Dialogveranstaltung Dersim 37/38

Am 20.11.2011 fand die Dialogveranstaltung im Rahmen des Dersim-Projekts und anlässlich des 74. Gedenktages Seyit Rizas, dem geistigen Anführer der Dersimer, statt. Viele Dersimer und Nicht-Dersimer kamen für diese Veranstaltung in den Räumlichkeiten des Centrum Westende in Duisburg-Meiderich zusammen und gedachten der Opfer des Dersim-Genozids von 1937/38.

Mit viel Musik und verschiedenen Redebeiträgen (unter anderem von Klaus Amoneit, aktuelles forum nrw und Düzgün Kücükdogan, Dersim Gemeinde Rhein-Ruhr) wurde eine  dem Anlass entsprechende Atmosphäre geschaffen und an die Geschehnisse von damals erinnert.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Podiumsgespräch, an dem Vertreter verschiedener Migrantengruppen teilnahmen. Das Podium stand im Zeichen der Annäherung und Versöhnung und sollte einen Dialog zwischen den Gruppierungen im Umgang mit den Ereignissen in Dersim eröffnen. Bedauerlich war es jedoch, dass kein Vertreter der türkischen Seite bereit war, an dem Gespräch teilzunehmen.

Als ersten Gesprächsteilnehmer begrüßte die Moderatorin Marissa Turac ein Gründungs- und Vorstandsmitglied der Dersim Gemeinde Rhein-Ruhr, Hüsseyin Güngör. Auf die Frage, warum es wichtig sei, von Deutschland aus an die Geschehnisse in Dersim zu erinnern, antwortete er mit dem Verweis darauf, dass die Geschichte Dersims in der Türkei auch heute noch als ein Tabuthema gilt. Des Weiteren sieht er seine Aufgabe und die Aufgabe der Dersimer im Allgemeinen darin, die Geschichte seiner Vorfahren zu bewahren,  weiterzugeben und sie vor allem auch den in Deutschland lebenden MigrantInnen zugänglich zu machen, um Aufklärung zu leisten.

Ein weiterer Gast war Memet Çetin, ein Dichter und Schriftsteller aus den Niederlanden. Er stammt ursprünglich aus Dersim und schreibt seine Werke in den Sprachen der Dersimer Aleviten (Zaza und Kurmanci). Er betonte die Bedeutsamkeit, das Kulturgut Sprache zu erhalten, betonte aber auch wie wichtig es für ihn sei, sich für seine Vorfahren und ihre Geschichte einzusetzen. Besonders eindringlich stellte er die Tatsache dar, dass der Dersim-Genozid von der türkischen Regierung nicht als Völkermord anerkannt wird.

Auch Ali Ertan Toprak, unter anderem zweiter Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschlands und Mitglied des Bundesbeirats für Integration,  sprach sich für eine Aufklärung im Hinblick auf die Geschichte Dersims aus. Er sagte, viele Betroffene in der Türkei seien noch immer traumatisiert von den Ereignissen und durch die türkisch kemalistische Ideologie dauerhaft eingeschüchtert. Um dieser Einschüchterung entgegenzuwirken, bedarf es vor allem einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte. In diesem Zusammenhang wies Ali Ertan Toprak darauf hin, dass an der Universität Köln nun erstmals ein Lehrstuhl für das Alevitentum vergeben wird. Das Alevitentum stellt in Deutschland mittlerweile die drittgrößte Religionsgemeinschaft dar.

Sileman Gürcan ist Vorsitzender der Föderation der Arbeiter aus der Türkei in Deutschland, einem politisch orientierten Verein mit dem thematischen Schwerpunkt der Arbeiterbewegung. Da seine Eltern und seine Frau aus der Dersim-Region stammen, hat auch er ein besonderes Verhältnis zum Thema. Er betonte ebenfalls, dass die Geschichte Dersims einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden und das Massaker als solches akzeptiert werden muss. Außerdem deutete Sileman Gürcan noch darauf hin, dass die Unterdrückung und Bedrohung der Dersimer auch heute noch aktuell ist und erläuterte dies anhand des Staudamm-Projekts im Osten der Türkei, welches die Flutung der Region vorsieht und weiteres großes Leid über die Dersimer bringen würde.

Ali Ülger, Herausgeber der Zeitschrift “Kizilbas” (dt.: Rotschopf) erörterte darüber hinaus noch die weitreichenden geschichtlichen Zusammenhänge und ordenete den Dersim-Genozid in die Geschichte der Türkei ein. Für den heutigen Umgang mit der Geschichte sei es für alle Dersimer aber besonders wichtig, endlich eine Entschuldigung für das Leid und die Verbrechen zu erhalten. Denn nur so könne eine Annäherung der Gruppierungen erfolgen und die traurige Geschichte Dersims verarbeitet werden.

Als einen weiteren Teilnehmer der Gesprächsrunde begrüßte die Moderatorin Ali Şirin, Sozialwissenschaftler und Vorstandsmitglied der Alevitischen Gemeinde NRW. In seinem Redebeitrag ging er vor allem auf die geschichtliche Aufarbeitung ein. Dafür sei es auch in Deutschland wichtig, türkische Geschichte in den Schulunterricht zu integrieren, um vor allem auch Jugendliche über Ereignisse aus der Vergangenheit aufzuklären.

Amar Azzoug, Gründer und Vorsitzender des Vereins “Bunter Tisch” ist seit über 20 Jahren in der Migrationsarbeit tätig und kooperiert dabei mit Vertretern aus rund 52 Ländern. Auf die Frage, wie ein Dialog zwischen verschiedenen Gruppierungen gefördert werden kann, antwortete er mit dem Appell, die Rahmenbedingungen für fruchtbare Gespräche einzuhalten, respektvoll miteinander umzugehen und so gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es notwendig ist, die Geschehnisse des Dersim-Genozids kritisch aufzuarbeiten, sich für ihre (internationale) Anerkennung einzusetzen und den Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen, sowohl in Deutschland als auch in der Türkei, zu fördern … ganz im Sinne des Projektnamen “Geschichte verstehen & Zukunft gestalten”.

Während der Veranstaltung führten Teilnehmende des Dersim-Projekts in den ruhigen und gemütlichen Nebenräumen auch Interviews mit Besuchern durch, welche die Geschichte der Region Dersims zum Teil nur durch Erzählungen ihrer Vorfahren kennen, sie aber dennoch einen großen Teil ihrer eigenen Geschichte ausmacht.

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